TSCHETSCHENIEN: Vor zehn Jahren wurde Antonio Russo getötet. Gegen das Vergessen

von Matteo Zola

übersetzt von Udo Mai

Vor zehn Jahren, am 16. Oktober 2000, starb Antonio Russo, Kriegsberichterstatter und Korrespondent für Radio Radicale. Nein, so klingt es nicht richtig. Vor zehn Jahren tötete Putins Regime Antonio Russo, einen freischaffenden Journalisten, der sich damals in Tschetschenien Aufhielt, um das Grauen des russischen Krieges im Kaukasus zu dokumentieren. Seine Leiche wurde am Rande einer Landstraße, ungefähr 25 Kilometer von Tiflis in Richtung Armenien gefunden und wies klare Spuren von Gewalt und Folter auf. Sein Videomaterial sowie seine Aufzeichnungen konnten nicht gefunden werden. Der russische Hintergrund seines Mordes war sofort offenkundig: die Foltertechniken waren die des Heeres aus Moskau. Außerdem befand sich die Leiche Russos unweit einer russischen Militärbasis. Zudem gab es ein politisches Motiv: bei seinem letzten öffentlichen Auftritt hatte Russo davon gesprochen, dass möglicherweise Munition aus abgereichertem Uran in Tschetschenien zum Einsatz komme, und bei einem Telefonat mit seiner Mutter, wenige Tage vor seinem Tod, hatte er erwähnt, dass er eine Videokassette mit explosivem Inhalt habe, in dem zu sehen sei, mit Welchen Methoden die russische Armee die tschetschenische Zivilbevölkerung traktiert.

Antonio Russo, Jahrgang 1960, hat von vielen Kriegsschauplätzen berichtet: aus Algerien, Ruanda, der Ukraine und aus Sarajevo. Er war der einzige westliche Journalist, der während der Nato-Bombardements im Kosovo blieb, um die ethnische Säuberung der serbischen Armee an den Albanern zu dokumentieren. Russo war das Risiko gewohnt, gewiss nicht aus Lust an der Gefahr, sondern aufgrund einer moralischen Verpflichtung: zu bezeugen, und so den Beruf des Journalisten in seiner höchsten Form auszuüben. Während des Kosovokrieges führte er eine Massenflucht vor den serbischen Säuberungskommandos an, die sich dann einem albanischem Flüchtlingszug nach Mazedonien anschloss. Der Zug musste unterwegs halten und Antonio erreichte Skopje zu Fuß. Zwei Tage lang hatte man nichts von ihm gehört und ihn schon für verschollen erklärt.

Russo wollte sich nie in die Standesvertretung der Journalisten eintragen und wies sogar Verträge mit renommierten Tageszeitungen zurück, nur um weiter frei berichten zu können. Ein Freischaffender, der wirklich frei war, getötet von einem Regime, mit dem unser Land nicht aufhören will “befreundet” zu sein. East Journal möchte, nach zehn Jahren, an den Tod eines vielleicht in Vergessenheit geratenen Journalisten erinnern. Es gibt nicht nur Anna Politowskaja, obwohl Symbole natürlich wichtig sind.

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