Interview: Die Ukraine in Rosa von Max Di Pasquale

von Matteo Zola

übersetz von Udo Mai

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“Andrew Evans hat 2004 den ersten Reiseführer überhaupt für die Ukraine geschrieben und dabei bedauert, dass die Europäer das Land als kalt und ungastlich empfänden, ohne Schönheit und Herz. Dieses Vorurteil währt bis heute”, und Massimiliano Di Pasquale trägt mit seinem Bildband dazu bei, dagegen anzukämpfen: In Ucraina, immagini per un diario. (In der Ukraine, Bilder für ein Tagebuch, Anm. d. Übers.).  “Ich war gerade 2004 zum ersten Mal in der Ukraine, aber in jenem Sommer hatte ich noch keine Ahnung, was bald darauf passieren sollte: Die Orange Revolution, ein Land will seine Zukunft in die Hand nehmen. Zugegeben, die Dinge haben sich nicht zum Besten entwickelt und was heute von der Revolution geblieben ist, darf in Frage gestellt werden. Die Erste, die dies tut, ist Oxana Pachlowska, in der Einleitung zum Band.

Ein Buch, das nicht nur eine politische Dimension hat – im Gegenteil. Sein politischer Aspekt liegt nicht in Fahnen. Fotos von der Revolution sucht man vergebens. Die Ukraine wird mit ihren Menschen und ihren Orten beschrieben. “Allen voran die Frauen. Wenn ich an die Ukraine denke, stelle ich sie mir als Frau vor. Denn es sind die Frauen, die auswandern und ihre Männer und Kinder zu Hause mit ihren Ersparnissen versorgen. Es sind die jungen, freien Frauen, die die Zukunft des Landes gestalten. Und es sind ebenso die Frauen, nämlich die älteren, die am meisten unter dem politischen Wandel zu leiden haben, seit dem Ende der Sowjetunion bis heute.” Es sind oft verirrte Gesichter, durch die sich die Falten der Geschichte ziehen. “Für das Layout des Buches wollte ich Magenta verwenden, und Rosa. Um ein für alle Mal klarzustellen, dass die Ukraine rosa ist”.

In der fotografischen Erzählung von Massimiliano Di Pasquale erscheint die Ukraine als Land der Kontraste und zeitgleich als Treffpunkt von Ost und West. “Das erkennt man schon am Buchumschlag: auf die Gardine vor dem Fenster eines Zuges ist in rosa ‘Bukowina‘ gestickt. Dahinter jedoch liegt ein Panorama aus Stahlbeton und der Ästhetik alter Sowjetpaläste, denn auch diese werden im Bildband gezeigt.

Es geht Di Pasquale nämlich um die Ästhetik der Ukraine (und Osteuropas generell), die oft unterschätzt wird. Eine Ästhetik, die nicht nur von der ausschließlichen – und mystifizierenden – Darstellung des Schönen lebt. “In dem Abschnitt, den ich ‘Strukturen’ genannt habe, wollte ich die großartigen orthodoxen Kirchen mit ihren goldenen Kuppeln direkt neben den ‘Industriekathedralen’, einem heute leerstehenden Erbe aus der Sowjetzeit, zeigen. Ein Beispiel für Gegensätze, die die Ukraine zu versöhnen weiß. Aber auch ein Symbol gewisser ‘geistiger Strukturen’, die fünfzig Jahre Diktatur im Volk hinterlassen haben.

Das Werk von Di Pasquale erscheint mal als Kunstbuch, mal als fotojournalistische Reportage, als Anthropologische Denkschrift in Bildern oder als Reisebericht. Angetrieben von einer gefühlsreichen Beziehung mit der Ukraine, verwirklicht sich das Werk in der Wechselwirkung von Bild und Schrift. Kurze Bemerkungen und blitzartige Abstraktionen begleiten die Fotografien. Das Foto nimmt in sich den Moment poetischer Inspiration auf und verewigt so sein Motiv.

Doch Di Pascuale ist auch ein aufmerksamer und strenger Kritiker. “Heute, wo Janukowitsch da ist, erlebt das Land eine Restauration, die seinen Drang nach Freiheit frustriert. Verantwortlich dafür sind in erster Linie die Europäer, Bürger wie Institutionen, die nicht sehen oder nicht sehen wollen, wie sehr die Ukraine zu Europa gehört. Durch diese künstliche Fremdheit drängen die Europäer das Land in die Machtsphäre Russlands. Und die Russen haben an der Ukraine kein anderes Interesse, als sie zu beherrschen. Putin hat sogar einmal behauptet, die Ukraine gebe es eigentlich gar nicht”.

Die Ukraine ist ein Land der sich versöhnenden Unterschiedlichkeiten. Diese Versöhnung ist oft auch etwas brutal. “Im religiösen Sinne besteht eine Trennung zwischen der Orthodoxen Kirche, die sich nach Moskau richtet, und der Unierten Kirche. Letztere ist katholisch, pflegt aber den orthodoxen Ritus und ist eher nach Rom – also nach Europa – als nach Russland ausgerichtet.” Sie hat jedoch die orthodoxen Bräuche in der Liturgie bewahrt, wie zum Beispiel die Ikonenverehrung. “Man war sogar dabei, die politische Spaltung zwischen russlandfreundlich Gesinnten im Osten und europäisch Denkenden im Westen zu überwinden: Mit Politikern, die sich nicht ausschließlich auf eine Seite stellten. Schließlich ist Lwiw eine Stadt, in der polnische, jüdische, westliche und östliche kulturelle Netzwerke koexistieren”.

Bei der Definition des ‘Ostens‘ zeigt sich Di Pasquale skeptisch: “Wie kann man behaupten, dass Prag oder Budapest zum Osten gehören? Sie liegen in Europas Mitte. Und wie kann man sagen, dass Kiew nicht in Europa liegt, wo es doch Teil derselben Kultur und derselben Geschichte ist, die diesen Kontinent geformt haben?”. Und er geht noch weiter: “Das Konzept eines ‘Ostens’ als etwas von uns Verschiedenes, andersartig und weit weg, ist fünfzig Jahren Eisernen Vorhangs geschuldet. Ausgesprochen europäische Länder Stalin zu überlassen, war ein schwerwiegender Fehler, der später dazu beigetragen hat, eine falsche Auffassung von einer unvereinbaren Verschiedenheit von ‘Ost’ und ‘West’ zu erschaffen. Die Verantwortung für das Leid und die Knechtschaft der Völker, die sich jenseits der Mauer befanden lastet schwer auf Churchill und Roosevelt.

Di Pasquales Buch wird so zu einer Gelegenheit, über die Geschichte nachzudenken und stellt  einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer europäischen Einheit dar, die nicht nur auf Institutionen, sondern notwendigerweise auch auf dem Bewusstsein der Menschen fußt. Das Buch wird am Samstag, dem 16. Oktober in Pesaro, im Saal des Stadtrates vorgestellt werden. Ab diesem Samstag bis zum 8. November sind Di Pasquales Aufnahmen in einer Ausstellung in der Libreria del Barbiere in Pesaro zu sehen.

Wer am Kauf interessiert ist oder mehr Informationen möchte, kann sich unter folgender Adresse direkt an den Autoren wenden:

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